Haltung des offenen Herzens

Bislang habe ich von der aktuellen Situation – der Pandemie und den Ausgangsbeschränkungen als einer besonderen Auszeit geschrieben. Damit verbunden waren auch meine Tipps für diejenigen unter uns verfasst, deren Alltagsgeschehen in sehr starkem Maße auf die Zeit zuhause gerichtet ist.

Zu Recht bin ich von einigen von Euch darauf hingewiesen worden, dass viele Menschen etwas ganz anderes erleben: Viele von uns arbeiten im Moment nicht nur genauso viel oder mehr als bisher, sondern sind dabei auch noch lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt. Das ist so. Und auch ich vergesse in meinem begrenzten Alltag zuweilen, dass vieles nur deshalb weiterhin so gut funktioniert, weil es Menschen gibt, die ihre Arbeiten verrichten. Wir können uns zwar leicht Sorgen aufgrund der aktuellen Situation machen, jedoch tun wir dies in warmen Wohnungen und Häusern. Unsere Tische und Kühlschränke sind mit der gleichen Vielfalt an Speisen gefüllt wie eh und je, vielleicht sogar noch mehr als zuvor.

Wohl auch deswegen verzeichnen wir in Deutschland eine so niedrige Todesrate, weil wir über ein so hervorragendes Gesundheitssystem verfügen. Unser Gesundheitssystem ist aber kein abstraktes Wesen, sondern wird getragen und erfüllt von Tausenden von Frauen und Männern. Sie sind es, die gerade in dieser Zeit ihre Arbeit nicht nur als Job, sondern als Berufung so ernst nehmen, dass sie dabei nicht mehr auf die Uhr schauen. Mehr noch, sie gehen dabei oftmals an die Grenzen ihrer eigenen Gesundheit und manchmal darüber hinaus oder setzen allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz, sogar ihr Leben aufs Spiel.

Im Bewusstsein, dass es so ist, hat beispielsweise die spanische Bevölkerung ein Ritual eingeführt. Jeden Abend um 20 Uhr stellen sich die Menschen auf die Balkone oder an offene Fenster und danken all den Personen, die sich für die Rettung der anderen einsetzen mit einem langanhaltenden Applaus. Es ist sehr bewegend dies – wenn auch nur per Video – mitzuerleben.

Es gibt auch viele andere Rituale, die seit einiger Zeit in Vergessenheit geraten sind, die wir aber gerade in unserer jetzigen Situation erneut begehen können. Immer wieder war es so, dass diejenigen, die zuhause geblieben sind oder bleiben mussten, die Personen, welche für sie und andere in den Einsatz gegangen sind dadurch unterstützten, dass sie gemeinsam für sie beteten. Und genau diese Haltung möchte ich uns heute ans Herz legen. Dabei geht es mir nicht darum, bestimmte Texte aufzusagen. Das eigentliche Gebet ist keines der Worte. Es ist eine Haltung und zwar genau die, welche wir so oft eingeübt haben und es immer wieder tun.

Die unmittelbarste Form des Gebetes ist die Kontemplation oder das Zazen. Beiden ist die stille und kraftvolle Haltung des offenen Herzens im Gewahrsein dessen, was gerade geschieht, zu eigen. In dieser Haltung sind wir unmittelbar – weil durch keinen ablenkenden eigenen Gedanken oder keine Vorstellung abgelenkt und geschwächt – mit denen verbunden, die in den Krankenhäusern unseres Landes und denen aller anderen Ländern dieser Welt, ihrer so wichtigen Arbeit nachgehen. Gleichzeitig sind wir mit jenen Menschen verbunden, die aufgrund dieser Erkrankung (und der zahlreichen anderen Erkrankung auch) die Kraft unserer Verbundenheit verdient haben. Weil sie Menschen sind. Weil wir Menschen sind.Deswegen lasst uns regelmäßig in diese Haltung gehen. Mindestens zweimal täglich. Das sind wir uns wirklich gegenseitig schuldig. Weil wir alle nur untrennbar voneinander Menschen sind und noch mehr sein können.

Alexander Poraj

https://72993.seu1.cleverreach.com/m/7497007/509004-cf0640325dc18d5830a53d1fef479b21

Leave a Reply