Was ist menschlich?

Im indischen Denken ist Mitgefühl das höchste Gut. Wer es stärken will, begegnet dem dunklen Anderen 

Von Sudhir Kakar

Ich möchte beginnen, indem ich an die ersten Zeilen von Mahatma Gandhis Lieblings-Bhajan erinnere, dem Lied, mit dem er seine morgendlichen Gebetstreffen begann: “Nenne nur den einen Vaishnava, der den Schmerz der anderen versteht.” Für mich spricht dieser berühmte Bhajan, den der heilige Gujarati-Dichter Narsinh Mehta im 15. Jahrhundert schrieb, vom Inbegriff der Humanität: Sie zeigt sich in einem Menschen, der den Schmerz des anderen versteht. Das primäre Kennzeichen der Menschlichkeit ist mithin sympathy, das Mitgefühl. Ich verstehe Mitgefühl als ein übergreifendes Konzept, das viele Erscheinungsformen haben kann: das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Gefühl der Verwandtschaft, das sich auch auf die nicht menschliche Welt erstreckt, das Mitleid und das Einfühlungsvermögen, bei dem wir nicht nur für den anderen und mit ihm fühlen, sondern sogar in ihn hinein.

Mit seiner Vorliebe steht Gandhi in der Tradition einiger der größten indischen Ikonen. Buddha im alten Indien, Kabir und Nanak im mittelalterlichen Nordindien, Tukaram in Maharashtra, Basava in Karnataka, die tamilischen Heiligen und Gandhis Zeitgenosse Rabindranath Tagore im modernen Indien: Sie alle waren der Ansicht, dass das Mitgefühl der höchste Wert unserer Zivilisation ist. Für Tagore etwa versuchte die indische Kultur, anders als der Westen mit seiner Kultivierung der Macht, durch die Stärkung des Mitgefühls eine Beziehung zur Welt, zur Natur und zu den Lebewesen aufzubauen.

“Indisch” und “westlich” sind natürlich keine monolithischen Kategorien. Auch im Westen hat es Denker wie Edmund Burke und Adam Smith oder Arthur Schopenhauer gegeben, die Mitleid zur Grundlage aller Moral erklärten. Auch sie empfanden den traditionellen indischen Wert des Mitgefühls, der Liebe in ihrer höchsten Form, als unverzichtbar für den sozialen Zusammenhalt. Und wir alle kennen die berühmte Losung der Französischen Revolution, die heute für ein universelles Streben steht: liberté, égalité, fraternité. Interessant ist, dass die Brüderlichkeit den letzten Platz auf dieser kurzen Liste einnimmt und im zeitgenössischen westlichen Diskurs in der Tat gedämpft, wenn nicht gar an den Rand gedrängt worden ist.

Es geht mir hier nicht darum, den Stellenwert der Macht und die Wahrheit, die in der Gerechtigkeit liegt, zu bestreiten. Ich glaube aber, dass die Ethik des Mitgefühls das Streben nach Gerechtigkeit mäßigen muss. In Tagores Worten: “Die schöpferische Kraft, die für die wahre Einigung in der menschlichen Gesellschaft gebraucht wird, ist Liebe; Gerechtigkeit ist nur ihr Begleitelement, wie das Schlagen der Trommeln zu einem Lied.”

Mitgefühl, der wichtigste Bestandteil der Menschlichkeit, ist die höchste Manifestation der menschlichen Seele. Vielleicht ist der Aufstieg zum Gipfel des Mitgefühls nur reifen Mystikern und Heiligen möglich. Man kann die spirituelle Reise unseres Lebens mit einer Bergbesteigung vergleichen, bei der es auf dem Weg zum Gipfel mehrere Basislager gibt. Das erste Lager, von dem aus man den wolkenverhangenen Gipfel noch nicht sehen kann, ist die Toleranz. Sie bedeutet zumindest, dass wir dem anderen einen Vertrauensvorschuss gewähren. Das zweite, etwas höher gelegene Lager lässt sich als Mitleid verstehen, während das dritte und letzte Lager, von dem aus man den Gipfel erklimmt, die Empathie ist, das “Einfühlen” in eine andere Person, obwohl man sich natürlich auch in die Natur einfühlen kann. Der spirituelle Aufstieg nährt also zunehmend tiefe Gefühle der liebenden Verbundenheit. Die meisten von uns dürfen sich glücklich schätzen, wenn sie von den Basislagern der Toleranz, des Mitleids und des Einfühlungsvermögens einen Blick auf den Gipfel des Mitgefühls werfen können. Allein in unserer immer umfassenderen Sympathie zeigt sich das wahre Maß unseres menschlichen Fortschritts.

Je lebendiger unsere Individualität ist, desto weniger müssen wir unser individuelles Selbst in einen Panzer der Ichbezogenheit hüllen, und umso eher können wir es durchlässig machen und so am Spiel dessen teilnehmen, was wir die “Seele” nennen. Für mich ist die Frage nach dem Schicksal der Seele nach dem Tod, die unsere Religionen so wichtig nehmen, nicht besonders interessant. Wenn wir die Seele nicht zu Lebzeiten aus ihrem Gefängnis des individuellen Selbst befreien, das von Wächtern umstellt ist, bezweifle ich, dass es nach dem Tode Hoffnung auf ihre Erlösung gibt. Mit Meister Eckhart gesprochen: Die Seele ist da, wo Gott Mitleid bewirkt.

Andere wertzuschätzen bringt Glück

Wenn Mitgefühl das erste Anzeichen der Menschlichkeit ist, gibt es dann auch ein zweites? Die Antwort findet sich in den nächsten Zeilen von Narsinh Mehtas Bhajan: Die tätige Sorge um das Wohlergehen anderer Menschen ist das zweite Merkmal der Humanität. Mitgefühl zu entwickeln allein reicht nicht aus, sondern schließt die Verantwortung ein, dieses im täglichen Leben sowie in der Gesellschaft und ihren Institutionen praktisch wirksam werden zu lassen.

In den tonangebenden Strömungen des modernen Denkens nehmen weder Altruismus noch Sympathie einen sicheren Platz ein. Was aber, wenn die übliche Dichotomie zwischen Altruismus und Egoismus falsch ist? Ich würde behaupten, dass die beiden nicht im Gegensatz zueinander stehen, sondern sich ergänzen. Nach der Goldenen Regel – “Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst” – zu handeln kann nicht nur für den spirituellen Fortschritt eines Menschen, sondern auch für sein psychologisches Wohlbefinden entscheidend sein. Die Buddhisten sagen es klar: Auf die eigenen Bedürfnisse zu achten verursacht Leid; andere wertzuschätzen bringt Glück.

Dieses Plädoyer für den Altruismus entspringt nicht einer ideologischen Haltung, die nur durch weise Sprüche gestützt wird – die wahr sein können oder auch nicht –, sondern hat sehr wohl die Fakten auf seiner Seite. Und hier spreche ich von konkreter körperlicher Gesundheit. Laut einer großen Längsschnittstudie in den Vereinigten Staaten lebten diejenigen, die ihren Angaben zufolge Ehepartnern, Freunden und Verwandten Hilfe und Unterstützung gewährten, länger als diejenigen, die weniger gaben, während das Ausmaß an Hilfe, das die Menschen nach eigenem Bekunden erhielten, keinen Zusammenhang mit ihrer Langlebigkeit aufwies. Anders gesagt: Geben ist seliger denn Nehmen. Sogar ein Zeuge altruistischen Verhaltens zu werden erhöht die physiologisch vorteilhaften Werte des “Liebeshormons” Oxytocin. Ich sage angehenden Psychotherapeuten oft, dass sie einen Beruf ergreifen, der sich finanziell zwar nicht lohnt, der aber zu den besten Antidepressiva gehört, die ich kenne.

Ich bin mir bewusst, dass ein Aufruf zum Altruismus zum Wohle der Gesellschaft einen großen Teil jüngerer (und älterer) Menschen misstrauisch macht, und das zu Recht. Der englische Dichter William Blake hat gewarnt: “Wer einem anderen Gutes tun will, muss es im Detail tun: Das Allgemeinwohl ist das Plädoyer des Schurken, Heuchlers & Schmeichlers …” Diese Mahnung gilt im Jahr 2020 weltweit genauso, wie sie für Großbritannien im 18. Jahrhundert galt, als sie zuerst ausgesprochen wurde.

Doch ich möchte mich der unbequemeren Frage zuwenden, ob mein Gedankengang nicht eine Leerstelle hat: Wenn die Menschlichkeit, die nach meiner Definition aus Mitgefühl und altruistischem Verhalten besteht, ein so willkommener und grundlegender Teil des Menschseins ist, warum brauchen wir dann die Unterstützung von Buddha, Tagore, Gandhi und den vielen Heiligen aus anderen Kulturen? Als Psychoanalytiker muss ich mir schließlich der mächtigen Kräfte des Begehrens, der Aggression und des Narzissmus bewusst sein, die ebenso tief in der Psyche verwurzelt sind wie die Menschlichkeit und eine ständige Bedrohung für sie darstellen.

Darauf würde ich antworten, dass die Menschlichkeit auf einem Feld reifen muss, das mit Unkraut überwuchert ist. Wir werden als Menschen geboren, aber es bedarf einer lebenslangen Anstrengung, um menschlich zu werden. Menschlichkeit ist nie eine einmalige Errungenschaft, sondern wird ständig auf die Probe gestellt – wie in der gegenwärtigen Pandemie, die soziale Isolation erfordert, während die Menschlichkeit verlangt, in der Distanz aufs Engste verbunden zu sein.

Als Psychoanalytiker kann ich zur Förderung der Menschlichkeit beitragen, indem ich frage: Wer oder was ist der Andere, von dem wir in unseren Beobachtungen über Mitgefühl und Altruismus sprechen? Der Andere ist nicht nur eine objektive Größe, sondern auch eine subjektive, imaginäre Konstruktion, die wir dem objektiven Anderen überstülpen.

Bequeme Speicher für hasserfüllte Gefühle

Irgendwann sehr früh im Leben kündigt das “Ich bin!” des Kindes die Geburt der Individualität an. Das “Ich bin” unterscheidet mich von allem, was nicht ich bin, also vom Anderen. Von frühester Kindheit an ist der junge Mensch mit der Schwierigkeit konfrontiert, negative Gefühle zu beherrschen: Wut, Gier, Egoismus, rücksichtslose Sexualität. Vor die Aufgabe gestellt, widersprüchliche Bilder zu integrieren – des Selbst (des “guten”, liebenden und des “schlechten”, wütenden Kindes) sowie der Eltern (des guten, fürsorglichen und des hasserfüllten, frustrierenden Elternteils) –, bleibt dem sich entwickelnden Ich des Kindes keine andere Wahl: Es muss die schlechten Bilder als nicht zum Selbst gehörig verleugnen und einem unheimlichen Anderen in der Psyche zuschreiben. Das aber heißt: Wenn das Anderssein ein Teil der Psyche ist und sie von Beginn des Lebens an prägt, dann hat dieses unheimliche Andere dort einen ständigen Wohnsitz.

Eine Möglichkeit, wie wir versuchen, diesen “schlechten” Anderen loszuwerden, ist die Projektion, das heißt, ein schlechtgemachter Anderer wird zum Speicher unerwünschter Aspekte des Selbst. Das aufschlussreichste Beispiel für das Wirken der Projektion ist der Konflikt zwischen Gruppen und Gemeinschaften, bei dem die jeweils andere Gruppe zu einem Reservoir (wie der Psychiater Vamik Volkan es nennt) für die verleugneten schlechten Bilder wird. Diese Reservoirs – Muslime für Hindus, Araber für Juden, Tibeter für Chinesen und umgekehrt – sind auch bequeme Speicher für spätere Wutausbrüche und hasserfüllte Gefühle, für die es keinen klaren Adressaten gibt. Da die meisten “schlechten” Bilder von der gesellschaftlichen Missbilligung der “Animalität” des Kindes herrühren, die sich in seiner Aggressivität und Schmutzigkeit äußert, ist es vor allem diese Animalität, die ein gutes Selbst als Mitglied einer moralischen Gemeinschaft verleugnen und in die “Reservoirgemeinschaft” auslagern muss.

Wir sehen dies immer wieder in modernen und historischen Konflikten zwischen Gemeinschaften. Im Frankreich des 16. Jahrhunderts zum Beispiel “wussten” die Katholiken, dass die Protestanten nicht nur schmutzig und teuflisch waren, sondern dass ihr heiliges Abendmahl zügellos und alkoholgeschwängert vollzogen wurde, eine Orgie, und dass sie nach lüsternem Psalmengesang die Kerzen löschten und wahllos Geschlechtsverkehr hatten. Die Protestanten ihrerseits “wussten”, dass der katholische Klerus Hunderte von Frauen für die Priester und Kanoniker bereithielt, die darüber hinaus auch noch größtenteils Sodomiten waren.

Das “reine” Wir gegen ein “schmutziges” Sie zu positionieren ist aus vielen vergleichbaren Situationen auf der ganzen Welt vertraut. “Dreckiger Nigger” und “dreckiger Jude” sind in den Vereinigten Staaten gängige Schimpfwörter. Viele Chinesen betrachten die Tibeter als Ungewaschene, die ständig nach Jakbutter stinken. In ruandischen Radiosendungen, die die Hutu zum Massaker an den Tutsi aufhetzten, wurden Letztere immer wieder als Ratten und Kakerlaken bezeichnet, als Lebewesen, die man mit Abwasserkanälen verbindet. Und in meiner eigenen Studie über den hinduistisch-muslimischen Konflikt, Die Gewalt der Frommen, erwies sich das hinduistische Bild von muslimischen Männern als eines der Grausamkeit, der zügellosen Sexualität und einer Schmutzigkeit, die weniger eine Frage der körperlichen Sauberkeit als vielmehr die einer inneren Verschmutzung infolge des Verzehrs tabuisierter Speisen ist. Für die Muslime wiederum haben die Hindu-Männer keine Kontrolle über ihre Triebe und sind von animalischer Gerissenheit und unmenschlicher Grausamkeit.

Kein Wunder, dass “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” zu einem Gebot gemacht werden musste. Der Nächste ist ein potenzieller Gegner – zu ignorieren, wenn er weit genug weg ist, schlechtzumachen, wenn er zu sichtbar wird, und anzugreifen, wenn er sich einzumischen droht.

Die Menschlichkeit zu fördern heißt daher, die Erkenntnis zu verbreiten, dass der dunkle Andere in unserer Psyche ein Teil des Erbes unserer Entwicklung ist, der nur um den Preis verleugnet werden kann, dass er dann Demagogen für ihre spalterischen Zwecke zur Verfügung steht. Es heißt, die Erkenntnis zu vermitteln, dass dieses Erbe nicht unser Schicksal ist, dass wir unseren dunkleren Trieben nicht Folge leisten müssen: Zwischen Nächstenliebe und Nächstenhass gibt es etliche Wahlmöglichkeiten, die von verschiedenen Schattierungen der Freundschaftlichkeit über Toleranz bis hin zu Gleichgültigkeit reichen und jedem von uns zu Gebote stehen. Religionen haben verschiedene Methoden, Rituale, meditative Techniken entwickelt, die darauf abzielen, unsere Fähigkeit zur Anteilnahme zu erweitern. Die buddhistische Mitgefühlsmeditation etwa bezweckt dies ausdrücklich. Eine weitere Möglichkeit kann durchaus eine ständige und bewusste Praxis des Mitleids sein, bis sie zu einer tief verwurzelten Form der Annäherung an alle Lebewesen wird, die William Blakes Mahnung beachtet, Gutes “im Detail” zu tun.

Die Psychoanalyse kann im Ideal des autonomen Individuums ein Sprungbrett sehen, zum fürsorglichen Individuum zu werden. Indem ich diese Fürsorglichkeit für wünschenswert halte, folge ich weder religiösen Moralvorschriften noch weltlichen Ideologien, sondern der Natur der menschlichen Realität: dass jeder von uns tief in andere Menschen eingebettet und auch mit der belebten und unbelebten Natur verbunden ist, in einer Ordnung, die nur durch unsere Menschlichkeit aufrechterhalten wird.

Aus dem Englischen von Michael Adrian

Der indische Psychoanalytiker und Schriftsteller Sudhir Kakar, 81, lebt in Goa. Zu seinem Werk zählen Bücher über Gandhi, Tagore und das Kamasutra. © Alberto Estevez/​EPA/​Shutterstock

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16/2020

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